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Die Kapitalmärkte werden im Modus „risk-off plus“ bleiben – bis die zweite Ableitung negativ wird!

16.03.2020 Dr. Peter Oertmann
Market Insights

In den letzten zwei Wochen hat sich unser Leben substanziell verändert. Die staatlichen Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung des Covid-19 Virus haben unser Leben in bisher nicht gekannter Art und Weise heruntergebremst, ja nahezu zum Stillstand gebracht. Weltweit befinden sich Unternehmen im Business Continuity Management. Geschäftliche Reisen werden storniert, und wo es geht, werden Teams gesplittet und in die Homeoffices verlegt. Die Menschen kaufen Lebensmittel – teilweise in riesigen Mengen – und stellen ansonsten ihren Konsum praktisch ein. Private Reisen werden storniert, sämtliche Pläne werden erst einmal auf Eis gelegt. Die Städte verwaisen, mancherorts gibt es bereits explizite Ausgangssperren. Grenzen werden geschlossen, die Bewegungsfreiheit wird mehr und mehr eingeschränkt. Die Nachrichten und sozialen Medien sind voll von Meldungen über die Ausbreitung des Virus, Infektionszahlen und Maßnahmen in den Regionen und Ländern.

Das alles drückt die Stimmung, und die meisten – auch die, die sich an das Modell des exponentiellen Wachstums aus ihrem Mathematikunterricht nicht mehr erinnern können – haben inzwischen verstanden: Diese Einschränkungen müssen jetzt so sein! Wir müssen es als Gesellschaft in einem solidarischen Kraftakt nun schaffen, die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus einzudämmen, damit unsere Gesundheitssysteme funktionsfähig bleiben. Wir müssen die Wachstumskurve der Infektionen mit allen Mitteln runterdrücken, das Wachstum muss sich abflachen. Mathematisch gesprochen muss die zweite Ableitung dieser Kurve negativ werden. Erst wenn wir das sehen, schwächt sich die Dynamik der Ansteckungen unter den Menschen ab. Die Weltgemeinschaft muss sich auf ein Thema konzentrieren: Flatten the curve!

Vor dem Hintergrund dieser dramatischen Entwicklung sind die Aktienmärkte in den letzten drei Wochen massiv eingebrochen. Der MSCI World hat seit Mitte Februar etwa ein Viertel seines Wertes eingebüßt, während die Anleger weltweit in sichere Häfen wie amerikanische Staatsanleihen (etwa plus 8 %) und Gold geflüchtet sind. Der Volatilitätsindex der CBOE für den S&P 500 (VIX) ist seit Mitte Februar von entspannten Niveaus um etwa 15 % auf Niveaus um 60 % und mehr emporgeschossen. Die Kapitalmärkte sind in Alarmstimmung. Die aktuellen Tagesbewegungen in großen Aktienindizes wie zum Beispiel dem Dow Jones-Index liegen auf historischen Rekordniveaus. Die Handlungen der Marktteilnehmer spiegeln allerhöchste Unsicherheiten über die zukünftige globale wirtschaftliche Ordnung, die konjunkturelle Entwicklung und vor allem auch das Zusammenleben der Menschen in dieser Welt.

Die Ängste und Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus hinterlassen bereits jetzt tiefe Spuren im Geschäftsbetrieb der Unternehmen. Aufgrund von massiven Umsatzeinbrüchen stehen in einigen Branchen eine Vielzahl von Unternehmen bereits jetzt am Abgrund. Die mittelfristigen Ausblicke verdunkeln sich für fast alle Branchen, mit nur wenigen Ausnahmen. Das alles dürfte bereits jetzt weitgehend in den Preisen enthalten sein. Das tägliche Auf und Ab wird aktuell bestimmt von neuen Informationen über die Ausbreitung des Virus sowie die Einschätzungen und Maßnahmen der globalen Institutionen, Staaten und Notenbanken. Der gegenwärtige Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland wird vor dem Hintergrund der Covid-19-Drohkulisse fast zu einer Anekdote.

Die ersten reaktiven Zinssenkungen der Notenbanken sind an den Märkten ziemlich verpufft. Wann gab es das schon einmal, dass die FED den Leitzins außerordentlich um 0,5 % senkt und die Märkte nur mit der Wimper zucken? Die Marktteilnehmer haben sehr schnell verstanden, dass die Geldpolitik nicht viel oder nicht mehr viel ausrichten kann. Insbesondere der EZB fehlt das Pulver, was zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Dynamik verschossen werden könnte. Dennoch hat die EZB vor wenigen Tagen die Finanzierungsbedingungen im Euroraum durch zusätzliche Anleihekäufe und Kredite an Banken nochmals massiv verbessert. Gleichzeitig hat die Präsidentin Christine Lagarde die Regierungen sehr klar aufgefordert, in der Bekämpfung der Krise mit fiskalischen Mitteln die Führungsrolle zu übernehmen. Der Fingerzeig geht in die richtige Richtung. Dennoch müssen sich die Notenbanken weiterhin um den Hygienefaktor Liquidität kümmern, was sie unlimitiert tun werden. Am gestrigen Sonntag hat die FED in einer zweiten Notfallsitzung den Leitzins nochmals um 1,0 % gesenkt und damit in der Nähe von null verankert. Dafür gibt es leider nur eine Interpretation: Um die Dynamik der Virusausbreitung in den USA und die Wirtschaft scheint es aktuell sehr schlecht bestellt zu sein.

Der massive realwirtschaftliche Schock kann und muss von den Staaten bekämpft werden. Viele Staaten haben bereits mit gewaltigen Hilfszusagen an Unternehmen reagiert. Die deutsche Bundesregierung hat verkündet, „alles Notwendige“ zu tun, um Unternehmen in dieser Situation zu unterstützen. Im Raum stehen Maßnahmen im Umfang von einer halben Billion Euro. Weltweit wurden milliardenschwere Hilfspakete bereitgestellt. Vermutlich waren es diese jüngsten Zusagen der Staatenlenker, die die Börsen vor noch größeren Abstürzen bewahrt haben. Nun ist wichtig, dass der stabilisierende Effekt dieser Hilfen und Mittel tatsächlich eintritt.

Die konjunkturellen Risiken der Pandemie sind immens. China hat gerade katastrophale Wachstumszahlen für Januar und Februar publiziert: Die Industrieproduktion fiel um 13,5 %, der Konsum reduzierte sich um 20 %. Gab es überhaupt schon mal solche Zahlen aus China? Eine globale Rezession ist sehr wahrscheinlich. Äußerst kritisch erscheint die konjunkturelle Entwicklung in den USA, da die Zinsstrukturkurve in Amerika schon länger auf erhebliche Rezessionsgefahren hindeutet.

Die Gemengelage aus Marktbewegungen, relativen Bewertungen und dem sich abzeichnenden ökonomischen Datenkranz ist komplex. Der derzeit dominante Faktor an den Märkten ist die Risikobereitschaft der Akteure. Diese spiegelt sich in ihren Portfolioentscheidungen und leitet sich in erster Linie aus ihren Einschätzungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Ausbreitung ab. Aktuell könnte man von „risk-off plus“ sprechen. Klassische fundamentale Bewertungs- und Selektionsprozesse werden davon überstrahlt. Damit am Kapitalmarkt wieder Zuversicht einkehrt, braucht es gute Nachrichten in folgenden drei Themenfeldern:

1. Ausbreitungsdynamik: Die erheblichen Maßnahmen der Regierungen zur sozialen Distanzierung der Menschen (social distancing) müssen messbar Wirkung zeigen. Die exponentielle Wachstumskurve für die Ausbreitung des Virus muss in eine logistische Kurve übergehen – wie oben bereits ausgeführt: die zweite Ableitung der Kurve muss negativ werden! Dies muss sich in vielen Ländern zeigen, es muss ein globaler Fortschritt erkennbar sein. Gute Nachrichten über die Kurve sollten die Anleger zuversichtlicher und risikobereiter werden lassen.

2. Wissen über das Virus: Das Virus muss für uns Menschen transparenter werden. Wenn die medizinische Forschung und Praxis weitere Erkenntnisse über die Eigenschaften des Covid-19 gewinnt, die uns im Umgang mit dem Virus sicherer werden lassen, wird sich das positiv auf das Marktsentiment auswirken. Jeder Silberstreif am Horizont im medizinischen Bereich kann zu enormen Kurskorrekturen führen – nach oben.

3. Gesundheitszustand der Unternehmen: Es muss spürbar sein, dass die zahlreichen fiskalischen Hilfspakete im Volumen tatsächlich ausreichen und beherzt und unbürokratisch verteilt werden. Wenn sich Unternehmen durch diese Hilfen tatsächlich stabilisieren können und uns aus den stark betroffenen Branchen positive Nachrichten erreichen, wird das die Risikobereitschaft am Kapitalmarkt erhöhen.

Für das Thema 1 sind wir alle verantwortlich. Thema 2 liegt in der Hand der Mediziner und medizinischen Forscher, und um das Thema 3 müssen sich jetzt die Politiker kümmern.

Es wird definitiv ein Leben nach der Krise geben. Das Virus wird dann zwar noch in der Welt, aber zu einem Stück unserer Lebenswirklichkeit geworden sein. Dann werden die Menschen wieder zusammenleben, arbeiten, konsumieren, sich ihre Träume erfüllen und Pläne schmieden. Die allermeisten Geschäftsmodelle werden auch nach der Krise noch funktionieren. In den Bilanzen der Unternehmen werden natürlich tiefe Spuren zu sehen sein, und manche Produktions- und Lieferketten werden sich verändern. Aber es wird weitergehen. Das beherzte Handeln der Staaten und Institutionen und die solidarische Disziplin der Menschen werden uns durch die Krise führen.

Natürlich gibt es aktuell auch außergewöhnliche Chancen am Kapitalmarkt. Durch die Verwerfungen sind die Risikoprämien vor allem in den Aktienmärkten und bei Unternehmensanleihen massiv gestiegen, d.h. die erwarteten Renditen sind besonders hoch. Auch wer aktuell bereit ist, illiquide Anlagen zu kaufen, darf dafür höhere Risikoprämien als üblich erwarten. Spekulative Mittel könnten bei einer ausreichenden Risikotragfähigkeit entsprechend investiert werden. Für die Vermögensanlage gibt es in diesem Umfeld nur ein Rezept: Diversifikation. Nur die konsequente Streuung über Aktien- und Anleihemärkte, über Regionen, Länder und Währungsräume sowie über unterschiedliche Anlagestile und Risikoprämien vermag ein Vermögen über die Unbilden dieser Naturkatastrophe zu bringen.